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Perspektivenbasiertes Lesen

Ziel:

Perspektivenbasiertes Lesen ist eine allgemeine Technik zur Inspektion von Dokumenten im Laufe des Entwicklungsprozesses. Das Hauptziel ist die möglichst frühe Identifizierung von Schwachstellen.

Beschreibung:

Inspektionstechniken sind ein anerkanntes Mittel, um qualitative Mängel bzw. konkrete Schwachstellen in jeglicher Art von Artefakten in der Entwicklung zu entdecken. Die Effektivität und Effizienz von Ad-hoc- und checklistenbasierten Inspektionsmethoden hat sich jedoch als unbefriedigend herausgestellt.

Perspektivenbasiertes Lesen ist eine Inspektionstechnik, die bei der Inspektion auf die Nutzung des Artefakts durch andere Stakeholder fokussiert und gerade bei der Anwendung auf Anforderungsdokumenten einen hohen Nutzen bringt. Damit wird eine höhere Effektivität und Effizienz erzielt, insbesondere werden schwerwiegende und subtile Schwachstellen besser erkannt. Ein weiterer Vorteil liegt in der Verringerung der kognitiven Belastung, indem unterschiedliche Perspektiven auf mehrere Inspektoren verteilt werden können. Als aktive Lesetechnik werden Dokumente nicht nur passiv begutachtet, sondern es werden aktiv Artefakte (z.B. Testfälle) erzeugt.

Grundlegende Konzepte

Stakeholderspezifische Qualitätskriterien

Beim perspektivenbasierten Lesen wird die Inspektion des Artefakts auf spezifische Anforderungen der Nutzer an dieses Artefakt fokussiert. Vergleichbar mit der Behandlung von Anforderungen an Systeme müssen dazu zunächst die relevanten Stakeholder identifiziert werden.

Der nächste Schritt besteht darin, die spezifischen Anforderungen der einzelnen Stakeholder zu identifizieren und zu operationalisieren.
Grundlage für die Identifizierung können Standards oder Richtlinien für bestimmte Typen von Artefakten sein (bspw. IEEE 830 für Softwareanforderungsspezifikationen).

Mit der Operationalisierung werden einzelnen Qualitätskriterien für das Artefakt typenspezifisch in prüfbare Regeln überführt. Leitgebend ist dabei jeweils die Frage: Woran erkennt man, dass ein Artefakt vom Typ X das Qualitätskriterium Y erfüllt oder nicht erfüllt?

Szenarien

Szenarien sind in der Inspektion ein Mittel, um den Inspektor für bestimmte Kontextbedingungen zu sensibilisieren. Im Falle des perspektivenbasierten Lesens sind dies die Nutzungsszenarien der einzelnen Stakeholder. Zusätzlich zu den operationalisierten Qualitätsmerkmalen beschreiben Szenarien im perspektivenbasierten Lesen typische Ziele, Nutzungsfälle und Aktivitäten der Stakeholder.

Eine bewährte Form für Szenarien ist die folgende Aufteilung:

  • In der Einleitung wird genau beschrieben, welche Perspektive der Inspektor annimmt und welche Qualitätskriterien aus dieser Sicht besonders relevant sind.
  • Mit Hilfe der Instruktionen wird beschrieben, wie der Inspektor das Dokument untersuchen soll, welche Dokumentteile von besonderem Interesse sind und welche Informationen aus dem Dokument gewonnen werden sollen.
  • Die Fragen unterstützen den Inspektor während der Ausführung der Tätigkeiten, vor allem aber, nachdem er die Instruktionen ausgeführt hat, mit denen er überprüft, ob die Qualitätskriterien an das Dokument erfüllt sind.

Vorgehen

Allgemeiner Ablauf

Das allgemeine Vorgehen beim perspektivenbasierten Lesen entspricht dem typischen Ablauf der Inspektion:

  1. Planung: Zeitliche Planung des Prozesses, Auswahl der Inspektoren, Vorbereitung der zu inspizierenden Dokumente und der Hilfsmittel (insbes. der Leseszenarien)
  2. Schwachstellenentdeckung: Jeder Inspektor führt die Inspektion mit Hilfe der  perspektivenbasierten Lesetechnik durch und führt ein Protokoll mit allen entdeckten Schwachstellen, Fragen und Verbesserungsvorschlägen.
  3. Sammlung: Unter der Leitung eines Moderators werden die Ergebnisse aus den Einzelinspektionen zusammengeführt und mit den Verfassern der inspizierten Dokumente erörtert.
  4. Korrektur: Der Verfasser ist nun verantwortlich für die Korrektur des Dokuments

Ein Unterschied zu anderen Inspektionstechniken besteht in der Spezialisierung der Inspektoren auf einzelne Perspektiven: Statt dass jeder Inspektor mit den gleichen Inspektionsregeln (z.B. Checklisten, Heuristiken) das gesamte Artefakt inspiziert, bekommt jeder Inspektor eine Stakeholderperspektive zugewiesen.

Spezifische Abläufe

Planung

Bei der Planung und Vorbereitung sind ergänzend zum allgemeinen Ablauf folgende Aktivitäten durchzuführen:

  • Identifikation der relevanten Stakeholder
  • Identifikation der stakeholderspezifischen Qualitätskriterien
  • Operationalisierung der stakeholderspezifischen Qualitätskriterien
  • Vorbereitung der Leseszenarien
  • Auswahl der Inspektoren: Dabei sollten die ausgewählten Personen über ausreichend Erfahrung mit der zugewiesenen Perspektive verfügen.

Schwachstellenentdeckung

Jeder Inspektor bearbeitet das für seine Perspektive erstellte Leseszenario. Dabei wird er zunächst durch die Einleitung für die relevanten Qualitätskriterien sensibilisiert. Dann geht er das Leseszenario gemäß dem vorgegebenen Handlungsablauf durch und identifiziert die Schwachstellen anhand der Fragen.

Diese Technik erfüllt folgende Praktiken:

Anforderungen reviewen
Stakeholder und Quellen identifizieren